Reisebericht: München-Venedig 2013 – zu Fuß über die Alpen

web-conny am grödnerjoch 7.8.2013Drei Personen, ein Ziel: Achim, Gundl und Conny wollen nach Venedig. Und das zu Fuß über die Alpen, so wie einst Hannibal, wie ich mir öfters anhören konnte.

Ein Reise- und Erfahrungsbericht von einer, die gerade erfüllt zurückgekommen ist…

Die Idee stammt von mir – wie könnte es anders sein. Nein, eigendlich von meinem guten alten Freund Karl, der mir vom Traumpfad E5 erzählt, den er machen will. Von Oberstdorf nach Bozen und Meran. Als ich sage: „Das ist mir zu voll“, rückt er raus: „Nein, für dich gibts noch was besseres: Vom Marienplatz zum Markusplatz. Das dauert halt 4 Wochen und soviel Zeit habe ich nicht“.

Hatte der eine Ahnung, wie er mich infiziert hat!

Kaum am Schreibtisch, recherchiere ich, sehe, dass die ganze Tour knappe 500 km lang ist, 28 Tage über Stock und Stein geht, technisch nicht ganz ohne ist – und überlege, wen ich mitnehmen kann. Mein Freundeskreis überlegt, ich höre viele „toll, aber“, und „Mensch, ja, schon…“ aber so recht zieht keiner.

Egal, das Internet ist mein Freund und XING machts möglich: Ich schreibe in einigen Freitzeitgruppen aus, was ich vorhabe, und dass ich Wandervögel zum mitlaufen suche. Und bekomme alles Erdenkliche an Zuschriften: Viele denken, da ich Trainer bin, biete ich eine geführte Tour an, fragen mich, ob sie das schaffen können. Ich winke ab, denn diese Tour mache ich nur und ausschließlich für mich. Nein, ich kümmere mich um nichts und niemanden, jeder ist für sich selbst verantwortlich!

Vielleicht sollte ich an dieser Stelle anfügen, dass ich im März eine schwere Lungenentzündung hatte, die mich wochenlang lahmgelegt hat. Und nicht nur das, der Infekt ist nie 100% ausgeheilt, flammt immer mal wieder auf. Es ist fraglich, ob ich überhaupt gehen kann, alle paar Tage wechselt mein Gesundheitszustand. Das geht mir ganz schön an die Nieren, wenn eigendlich will – und muss – ich mich vorbereiten. So aus der kalten Hose raus läuft man nun mal keine 50.000 Höhenmeter am Stück. Und genau deswegen will ich die Tour ja machen. Ich habe unheimlich abgenommen während dieser Lungenentzündung, vor allem Muskeln verloren, ich fühle mich nicht fit, bin schlapp, kraftlos. Eigendlich nicht die Voraussetzung für eine derartige Mammut-Tour, aber ich mache sie ja auch für mich, um wieder fit zu werden, den Kopf frei zu bekommen und endlich wieder richtig gesund zu sein. Ich will mir den Rest einfach rauslaufen und rausschwitzen.

Zwei, Gundl und Achim bleiben hängen. Wir treffen uns im Café – mit Gundl ist auf einen Blick alles klar. Wir kriegen das hin und zum Kennenlernen haben wir ab sofort 4 Wochen Zeit, das sollte ausreichen, Gesprächsstoff werden wir ohne Ende haben. Achim begrüßt mich mit den Worten: „Also ich mach das. Und wenn nicht mit euch, dann geh ich eben allein.“ Solche Menschen kann ich gebrauchen. Da stimmt die Moral und die Einstellung. Der Rest ergibt sich.

Wir sind uns noch in einem anderen Punkt sofort alle einig: Wir schenken uns die Flachetappen von München und starten direkt in Lenggries am Brauneck. Wir wollen die Alpen überqueren, und sind nicht auf Pilgertour.

Packlisten werden hin- und hergeschoben, Reiseführer gewälzt, einige Vorbereitungs-Bergtouren gemacht. Die Vorfreude steigt, die Materialschlacht beginnt. Was nimmt man mit, was bleibt zuhause? Wir wiegen die Rucksäcke – über 10 Kilo will ich nicht mitnehmen. Denn 10 Kilo am Buckel tagein, tagaus sind bergauf, bergab ziemlich viel. Man merkt da jedes Gramm.

Meine Vorbereitung besteht – ich bin ehrlich – darin, mir „Reserven anzufressen“. Ich bin noch immer nicht richtig über den Berg, muss langsam tun, was mir schwer fällt und es bleibt bis 5 Tage vor Tourbeginn spannend, ob ich vom Arzt das OK bekomme. Aber glücklicherweise habe ich gute Mediziner, die auch die Psyche eines Sportlers verstehen: Ich bekomme das GO! Ich glaube, dieser Arzt weiß, dass es für meine Krankheit und vor allem meine Moral viel schlimmer wäre, daheim bleiben zu müssen, als einfach loszulaufen, bis vielleicht nichts mehr geht.

Am Vorabend des 24.7. – unseres Tourstartes – ist alles gepackt, eingekauft, durchdacht. Mein Rucksack wiegt ohne Wasser 9,3 Kilo. Aus Erfahrung weiß ich, dass ich 3 Liter Wasser mitnehmen muss – also bin ich bei 12 Kilo. Weniger geht nicht. Ich habe gefühlte 25 mal umgepackt, nachgedacht, aussortiert – auf das, was ich nun mitnehme, kann ich nicht verzichten.

Noch einmal schlafen…

Dann kommt die erste Hiobsbotschaft: Gundl hat sich um die Übernachtungen gekümmert und meldet, im Karwendelhaus, unserer 3. Etappe, ist vom Freitag auf Samstag alles ausgebucht. Da kriegen wir zu dritt nicht mal ein Notlager. Die Absage ist deutlich und unmissverständlich: „Kommt NICHT, wir können euch nicht aufnehmen. Aber von Donnerstag auf Freitag haben wir Platz.“

Also müssen wir umdisponieren und legen flugs 3 Tourentage auf 2 Tage zusammen. Das bedeutet für uns: Statt langsam reinkommen, volle Pulle, statt 3 x 6 Stunden – nun das kann jeder selbst ausrechnen. 🙂 . Diese Flexibilität wird uns noch öfters abverlangt werden, denn wir ahnen schon, dass wir nicht die einzigen sind, die sich in den Bergen tummeln werden.

Und so gehts dann auch los am 24.7. morgens um 9 Uhr: Auf der Panoramaterasse am Brauneck wird ein erstes Startfoto geschossen und ein letzter Kaffee getrunken. Dann liegt ein heißer Tag mit 8 Stunden gehen vor uns.
Über den Latschenkopf und die Achselköpfe steigen wir auf zur Benediktenwand, überqueren den Gipfel und steigen noch am selben Tag in die Jachenau ab. Ca 1.200 Höhenmeter rauf und gleich wieder runter – und das am ersten Tag. Dennoch ists landschaftlich einfach toll – und Achim bekommt ein Gefühl, wo der Hammer hängt. Als Hamburger und Golfer ist er zwar mental sehr stark, aber nicht besonders bergerfahren.

Das wird ihm letztlich auch zum Verhängnis: Wir starten am 2. Tag um 6 Uhr, denn es wird wieder sehr heiß, und von der Jachenau zum Karwendelhaus auch ziemlich lang, und schon nach wenigen Höhenmetern muss Achim aussteigen. Beim Bergaufgehen werden seine Knieprobleme so heftig, dass er keinen schmerzfreien Schritt mehr machen kann. Schweren Herzens gibt er auf – und nun sind wir nur noch zu zweit.

Was gut ist, denn an diesem Tag bewältigen wir 1.500 Höhenmeter und landen abends gegen 17 Uhr ziemlich erschöpft (ich zumindest) auf dem Karwendelhaus. Am nächsten Tag steht die Überquerung der Birkkarspitze an, eine der echten Herausforderungen, die viel Kraft, eine gute Moral und vor allem Erfahrung und Trittsicherheit fordern.

Wieder starten wir um 6 Uhr früh, denn zum Schlauchkarsattel hinauf sind es knappe 900 Höhenmeter in steilem, ausgesetztem Geröllfeld, dass einem schon echt den Stecker ziehen kann: Man rutscht bei jedem Schritt einen halben Schritt zurück. Zudem ist das Schlauchkar voll der Sonne ausgesetzt, es bewegt sich kein Lüftchen, und auf 2.620 m Höhe merkt man dann doch, dass die Luft einfach dünner wird.

Am Einstieg ins Schlauchkar kommt uns Helmut entgegen, mit dem wir abends noch (alkoholfreies!) Bier getrunken haben: ihm ist das zu garch heute, er kehrt um und nimmt eine Ausweichroute durchs Tal. Da wir ihn als erfahrenen Bergfex kennengelernt haben, haben wir nun eine endgültige Idee von dem, was uns hier und heute erwartet. Und so steigen wir auf, langsam, Schritt für Schritt. Jeder findet sein Tempo, die Worte verstummen, ich bin mit mir und meinen Gedanken beschäftigt. Ca. 200 Meter unter dem Gipfel müssen wir die Stöcke wegpacken, ab hier muss man klettern, es gibt keine wirkliche Route mehr, jeder sucht und findet seinen eigenen Weg. Es ist steilt, rutschig, man muss genau gucken, wo man seine Füße hinsetzt, und der schwere, noch ungewohnte Rucksack macht das Gleichgewicht halten nicht einfacher. Alles in allem ist höchste Konzentration gefordert, denn es ist sehr steil und ein falscher Schritt führt unweigerlich zum abrutschen auf diesem Geröllfeld. Besser nicht dran denken, was alles passieren kann…

Das geht auch gar nicht, denn wir sind voll gefordert, um dem besten, sichersten Weg nach oben zu finden. Ich gehe vor, aus irgendeinem Grund bin ich bergauf schneller, habe eine andere Technik. Vielleicht will ich es auch einfach schneller hinter mir haben. Gundl ist weit hinter mir. Knappe 50 Meter unter dem Sattel muss ich ein breites Schneefeld queren. Ich denke, Fußabdrücke im Schnee zu sehen und steige ein, es ist rutschig, sehr steil und ich bin froh, wenn ich drüben ankomme.

Doch dann STOP: Der letzte Schritt wäre auf blankem Eis. Alternativ könnte ich einen großen, richtig großen Schritt machen, aber nachdem ich weiß, wie rutschig das Geröll ist, bin ich unsicher, ob das gut geht. Also Einbahnstraße. Was tun? Ich entscheide mich, umzukehren. Und rutsche ab. Rutsche auf dem Rücken, auf dem Rucksack mit lautem „SCHEIßE“-Ruf das sausteile Schneefeld hinunter. Ich versuche die Hacken in den Schnee zu stemmen um den Fall aufzuhalten, aber die Steine, an denen ich bremsen will, rutschen alle mit, und ich werde immer schneller…

Ich kanns wirklich nicht erklären, aber ich hatte zu keiner Sekunde wirklich Angst um mein Leben, obwohl die Situation für alle, die es beobachtet haben, mehr als auswegslos aussah. Irgendwie hab ichs geschafft zu bremsen und mich an den Rand zu robben. Ich war saucool, was in solchen Momenten auch das beste ist, bin wieder hochgestiegen, habe an einer anderen Stelle das Schneefeld überquert und stand Minuten später oben am Sattel.

Da allerdings schoss mir das Adrenalin durch den Körper, ich fing an zu zittern und mir wurde bewusst, wie knapp das gerade war. Und wir mussten ja wieder runter – was eigendlich noch viel gefährlicher und schwieriger ist als das raufgehen!

Die anschließende Kletterpartie am Seil überwinde ich nur mit Gundls Hilfe. Der Schock sitzt mir wirklich in den Gliedern, noch nie habe ich so deutlich erlebt, dass zuviel Adrenalin den Körper, die Muskeln wirklich lähmt. So bin ich unendlich froh, als das erste steile Stück, auch wenns nur ca 150 Höhenmeter sind, überwunden ist, und wir dann weiter über Schotter- und Schneefelder absteigen.

Mittagspause machen wir an einem kleinen Wasserfall, setzen uns in die Gumpen des eiskalten Baches und danach ist der Kopf auch wieder klar. Meine Lebensgeister kommen wieder, die Müdigkeit und Starre weicht, ich bin wieder Herr meines Körpers, und die Muskeln und Beine folgen wieder meinen Anweisungen. Gott sei Dank ist alles gut gegangen!

Trotzallem liege ich an diesem Tag um 19 Uhr völlig erschöpft im Bett. Von der einmaligen Aussicht habe ich heute nicht viel mitbekommen, aber ich habe etwas anderes erlebt: Die Sicherheit, dass meine Schutzengel mit auf dieser Tour dabei sind, und dass meine Zeit wohl noch nicht gekommen ist. So kann ichs dann auch stehen lassen, ohne dass in meinem Kopf die Angst hängenbleibt.

Der 4. Tag wird mein perfect day – nach einem wunderschönen Aufstieg vom Hallangerhaus zum Lafatscherjoch, gehts dann knappe 1.500 Höhenmeter abwärts bis nach Hall. Gundl und ich trennen uns, sie will am kommenden Tag eine anspruchsvolle 5-Gipfeltour machen und muss zusehen, dass sie rechtzeitig auf der Glungezer Hütte eintrifft. Ich dagegen sehne mich nach einem weniger stressigen Tag, will einfach mal die Natur, die erhabene Landschaft genießen und die Seele baumeln lassen. Deswegen nehme ich heute einen Gang raus und lasse mich einfach nur treiben.

Mit bestem Erfolg: Eine Einheimische verrät mir eine Abkürzung über einen unbenutzten, schattigen Waldweg (die normale Route geht entlang der glühendheißen Teerstraße bis ins Tal), am Fuße des Berges komme ich mit einem netten Pärchen ins Gespräch, die mich spontan mit dem Auto in den Ort Hall mitnehmen und am nächsten Supermarkt absetzen, wo ich mein Proviant wieder auffüllen kann. Von hier muss ich nur zu Fuß 10 Minuten laufen, und da wartet schon der Bus, der mich zur Glungezer Bergbahn bringt, abfahrtbereit auf mich. Im Bus treffe ich Gundl, die sich heute schon ziemlich gestresst hat und einigermaßen mitgenommen aussieht – und trotzdem kein Stück schneller unterwegs ist als ich. Aber so ists ja oft im Leben: Wenn du es eilig hast, geh langsam…

An der Bergbahn trennen sich unsere Wege wieder – ich werde auf halbem Weg übernachten und morgen eine andere Route wählen. Wir verabreden, uns am kommenden Abend wieder auf der Lizumer Hütte zu treffen.

Mein perfect day endet mit einem dramatischen Sonnenuntergang, Gewitter und früher Bettruhe – ich krieche um 20 Uhr in die Federn. Morgen habe ich 1.350 Höhenmeter vor mit, die ziemlich langweilig sind, immer an der Forststraße entlang, nichts, was einen wirklich begeistert. Belohnt werde ich allerdings mit einem kühlen Limo auf halbem Weg, gekühlt nach Einheimischen-Manier – ein echtes kleines Highlight (s.Foto), gekrönt von einem wunderschönen Blick auf den Karwendel im Hintergrund. Ich gehe weiter, muss ein wenig über Stock und Stein steigen, ehe ich am Naviser Jöchel – meine gute alte Gundl wiedertreffe.

Was wir nicht wussten: unsere beiden unterschiedlichen Wanderwege treffen sich hier wieder, und als ob wir es abgesprochen hätten, trudeln wir beide zur gleichen Zeit dort ein.

Gemeinsam erreichen wir die Lizumer Hütte, eine wirklich schöne, neu errichtete Hütte auf 2.019 m Höhe. Nun sind wir schon mitten im Zillertal, umringt von weißen Riesen, es ist ein wirklich grandioser Anblick.

Unser Tross der Individual-Venedigwanderer ist mittlerweile auf an die 15 Personen herangewachsen. Hier und so entsteht das HÜTTENYOGA: Ich habe angefangen, abends einige Dehnübungen zu machen, um die Schwere aus den Beinen rauszubekommen, die sich einfach bei 6-8 Stunden Gehen einschleicht. Diesmal mache ich meine Übungen auf der Terasse – und plötzlich machen an die 10 Leute mit…. Das wäre doch eine coole Geschäftsidee, Yogakurse im Sommer auf den Hütten in den Alpen…

Doch ab hier ist erst mal wieder Schluss mit lustig: Nach viel auf und ab steht nun die nächste echte Herausforderung mit der Übersteigung des Tuxer Gletschers an. Den Tuxer Gletscher kenne ich bislang nur vom Skifahren, und ihn im Sommer zu übersteigen erfüllt mich mit echter Ehrfurcht. Die Nacht davor verbringen wir am Tuxer Joch Haus, es ist kalt, ungemütlich und ziemlich spartanisch. Und dann gehts morgens um 6 Uhr wieder los für Gundl und mich – wir starten die langen Etappen immer sehr früh, einfach weils nicht so heiß ist, und in der Morgenfrische auch wirklich ein besonderer Reiz liegt.

Wir haben aber auch unglaubliches Glück mit dem Wetter. Einige Passagen, so wie auch die heutige über Tux und die Friesenbergscharte sind bei Nebel oder Regen viel zu gefährlich zu gehen. Doch so stehen wir nach einem anstrengendem Austieg gegen 10 Uhr am Tuxer Hauptkamm auf 2.904 m Höhe, haben einen atemberaubenden Blick und steigen dann die berühmt- berüchtigte Friesenbergscharte hinab. Sie ist gut mit Seilen abgesichert, und wirkt schlimmer, als sie tatsächlich ist. Dennoch, ich habe nach der Birkkarspitzen-Erfahrung allen Respekt vor steilen Auf- und Abstiegen und passe höllisch auf, wo ich meine Füße hinsetze!

Das Ziel des Tages ist die Olpererhütte, wieder eine superschöne, große, sehr gepflegte und liebevoll geführte Hütte mit allem Komfort. Und damit sind wir schon fast in Italien!

Am kommenden Tag schon passieren wir die alte Grenzstation am Pfiltscher Joch und feiern die Ankunft in Italien gebührend mit einem herausragend guten Cappuccino. Steil gehts danach wieder runter ins Tal nach Stein, wo wir in einer Privatunterkunft übernachten, was wir hier in Südtirol nebenbei öfters nutzen. Wir machen die besten Erfahrungen in Sachen Hilfsbereitschaft und Gastlichkeit – sogar die Waschmaschine wird für uns angeschmissen! Nach gut 8 Tagen frisch gewaschene Socken, Shirts und Hosen zu haben ist ein Hochgenuss – ich glaube, man muss das mal gemacht haben, sonst kann man diesen Luxus nicht wirklich nachvollziehen.

Es folgen weitere Etappen und der Abschied von den Zentralalpen – ab jetzt steigt die Vorfreude auf die Dolomiten. Und am Sonntag, den 4.8. ist es dann soweit: Der erste Dolomitengipfel liegt vor uns.

Was das Besondere an den Dolomiten ist? Es ist eine ganz andere Art von Gestein, ein anderer Fels, hell, hart und schroff. Ich hatte mich ganz besonders auf die Dolomiten gefreut und obwohl ich sowohl das Karwendel als auch die Zillertaler Bergwelt sehr genossen habe – die Dolomiten sind das Highlight unserer Tour.

Deswegen bin ich ein bisschen enttäuscht, als wir dann das Drumherum erleben. Ab hier gibts wieder nur Berghütten und klar, auch die müssen Geschäft machen, aber die Hütten sind alle total überfüllt, die Preise sind enorm und auf den Wegen wuselt es wie am Stachus. Da habe ich auf dieser Tour schon Schöneres erlebt.

3 Tage in den Dolomiten sind dann auch genug für mich. Wann die Idee kam, am Grödner Joch auszusteigen – es war nicht geplant, wirklich nicht. Irgendwann nachts wachte ich auf in einem völlig überfüllten Notlager, in dem auf 2 Matratzen 3 Personen eng aneinandergepfercht schliefen, und wenn jemand aufs Klo musste, musste er über alle Beine und Leiber drübersteigen. Und bei 30 Mann muss einfach dauernd jemand aufs Klo…

In dieser Nacht war auf einmal der Gedanke da: „Mensch, irgendwie ists jetzt gut. Am Grödner Joch steigst du aus“.

Und so kam es dann auch: nach 14 Tagen, 239 gelaufenen Kilometern und guten 25.000 Höhenmetern, bin ich am Grödner Joch in den Bus gestiegen und wieder in der Zivilisation gelandet.

Die letzten 2,5 Stunden bis zum Grödner Joch durch dramatisch schöne Landschaften habe ich alles Revue passieren lassen und kam zu folgendem Punkt:

Ich bin wieder fit, gesund, belastbar und ich kann zwischen zwei Alternativen wählen, die beide reizvoll sind. Ich bin in der glücklichen Verfassung, wählen zu können, nicht zu müssen, und ich wähle die, die mich gerade mehr anspricht. Es war toll, ich bin randvoll mit Eindrücken und Erlebnissen, ich bin weiter gekommen, als ich mir zu träumen erhofft hatte bei meiner mangelnden Vorbereitung und nach der Lungenentzündung. Ich habe erreicht was ich wollte: ich habe den Kopf wieder frei, ich habe Hunderte von Ideen, die ich jetzt umsetzen werde, ich habe mir die Reste meiner Krankheit rausgelaufen – und ob ich nun in Venedig mal wieder für 8 € einen Cappuccino trinke oder nicht wird mein Leben nicht maßgeblich verändern. Und ganz ehrlich – ich mag meine Schutzengel auch nicht überstrapazieren.

Der Abschied von Gundl, die nun alleine weitergeht und mit Sicherheit nicht aufgeben wird, bis sie am Markusplatz ihren Cappuccino vor sich stehen hat, ist dann doch etwas wehmütig, und meine Gedanken sind natürlich jeden Tag bei ihr. Sie ist eine gute Freundin geworden – am Berg regelt sich vieles von allein – und ich bin erfüllt und dankbar für alles, was ich mit ihr in diesen beiden Wochen erlebt habe.

Wieder zuhause, wenn ich meine Erlebnisse jetzt so niederschreibe, macht sich ein unbeschreibliches Gefühl in mir breit, jetzt, wo sich alles langsam setzt, und ich mir klar mache, was wir da wirklich geschafft haben. Das Leben hat sich zwei Wochen reduziert auf die elementarsten Dinge: Essen, schlafen, laufen. Man wächst da rein und es hat seinen ganz speziellen Reiz!

Raus aus der Komfortzone, über die eigenen Grenzen gehen und sogar noch in der Lage sein, den richtigen Zeitpunkt zum aufhören zu erwischen – diese Tour hat mein Leben unendlich bereichert. Und die Berge haben mich definitiv nicht zum letzten Mal gesehen!

Allen, die überlegen, sich solch einer Herausforderung selbst zu stellen, kann ich folgenden Reiseführer empfehlen: „ROTHER WANDERFÜHRER München-Venedig in 29 Etappen.“

In diesem Sinne Bergheil!

Herzlichst,
Eure
Conny Schumacher

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